Heute in DIE DSCHUNGEL. Blut. David Cronenberg. A History of Violence. Dünn ist das Eis der Kultur.

Immer geht Cronenberg an Existenzgründe, wirkende Gründe. Saftige Gründe. Aber solche, die mit unserer Bewußtseinsdecke nicht übereins gehen wollen. Sie liegt als Schutz vor Wahrheit über uns und deckt uns ab. Es könnte eine Wahrheit Al Qaidas sein, daß uns das Terrornetz wieder mit Existenz zusammenbringt und damit mit uns selber. Es ist uns gefährlich a u c h, weil es uns die Decke vom Leib zieht.
Einige Zeit kommt >>>> Cronenbergs Film fast wie von Tarantino daher, dann aber kippt er, und zwar an einer entscheidenden Stelle – an einer, die aufgrund eines ganz anderen Vorgangs mit unserer Existenz auf das engste verknüpft ist, nämlich mit Sexualität. Bei Cronenberg ist die Szene erotisch, da sie distanziert - beobachtend - gefilmt ist und beobachtend betrachtet wird. Es ist die tiefste Szene des Films. Viggo Mortensens Vergangenheit als Killer ist herausgekommen, ‚dank’ seiner schnellen Mordinstinkte hat er soeben seine Familie vor dem blutigen Untergang blutig gerettet. Maria Bello, seine Frau, die Zeugin der Schlacht war (in die sich obendrein der halbwüchsige Sohn gemischt hat, befähigt, als trüge er das Mördererbe seines Vaters - vielleicht die düsterste Botschaft Cronenbergs) und der nun die gesamte softWelt ihrer sanften Beziehungsvorstellung und Sexualität zusammenbricht, ist nicht nur schockiert, sondern geekelt – geekelt wie viele ‚zivilisierte’ Menschen, wenn sie Urkräften begegnen, zerstörenden wie schöpfenden. Sie k a n n mit diesem Mann nicht mehr leben, sie ist entsetzt, wie von Sinnen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Sie schlägt ihn. Da schlägt er zurück. Sie schreit ihn an, er will sie umarmen, hilflos ganz genau so wie sie. Sie will aber nur weg, weg von diesem Ungeheuer. Rennt die Treppe hoch. Er hinterher. Kriegt sie am Bein zu fassen. Sie fällt auf die Stufen, er kracht die Stufen runter. Sie rappelt sich auf, will weiter hoch, weg, nur weg. Er ist aber schneller, schneller in allem, was mit Kampf zu tun hat. Erwischt sie wieder am Bein, zieht sie wieder runter, sie kracht erneut hin. Schlägt auf ihn ein. Und plötzlich, ganz plötzlich, packt sie seinen Kopf und nimmt sich, überwältigt von ihrer Gier, seine Lippen. So schlafen die beiden miteinander. Und genau dieses verharmlosende Idiom ist falsch. Sie ficken, ficken wie vielleicht noch nie zuvor. Es tut weh, Maria Bello liegt fast allezeit mit dem Rücken auf den Stufen (in einer späteren Einstellung ist dieser Rücken zu sehen, verwundet: wenn die Frau auf dem Bett sitzt, vorgebeugt, verzweifelt, erschüttert und doch ganz still). Viggo Mortensens stößt und stößt. Bis beide zum Höhepunkt kommen.
Und abermals eine Wahrheit des Films: Das ist keine Versöhnungsszene. Sondern fast im Gegenteil. Nach ihrem Orgasmus macht sich Maria Bello von ihrem Mann los, mit Abscheu vor ihm und vor sich. Mit Abscheu vor dem, was die Kultur hauchdünn verdeckt hat. Mehr ist über diesen Film nicht zu sagen, auch wenn die erzählte Szene eine Zentralszene ist und es noch lange weitergeht mit der Geschichte und, sehr typisch für Cronenbergs menschliche Skepsis, eine mögliche Versöhnung offen bleibt – und zwar, obwohl und weil die letzten Einstellungen nahelegen, daß sie stattfinde.
Wie Al Qaida konfrontiert dieser Film, aber eben auf künstlerische Weise, uns mit uns selbst. So daß es nicht anders geht, als sich zu fragen: Was ist es denn, das uns immer wieder in Kriminalfilme, Actionfilme, Horrorfilme treibt? Was fasziniert uns daran? – Das in uns selbst. Wir könnten es übrigens leicht wissen, als Frau sowieso, monatlich und mit allen Gerüchen. Aber unterdessen auch als Mann. Waren wir nur einmal bei einer Geburt zugegen.

[Im >>>> Wolpertinger gibt es übrigens eine ähnliche Stelle. Ich zitiere sie Ihnen >>>> h i e r.
Bei >>>> Allan Pettersson, Sinfonie Nr. 15.]
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