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Die Wucht des Bedeutungslosen

Die Wucht des Bedeutungslosen

Wenn moderne Kommunikationsmittel die Kommunikationskriterien zu verwahrlosen beginnen, wie es zum Beispiel das Handy tut, fragt sich, wie es denn überhaupt um das unerfüllte Bedürfnis des Menschen, sich mitzuteilen, in Wahrheit bestellt ist.

Handys sind Dauerklingler. Unentwegt tröten absurdeste Melodien und Neuzeit-Kakophonien durch den Äther von Restaurants, U- und Straßenbahnen, Bussen, Wartezimmern, Offices, Wichtigkeitsetagen und privaten Räumlichkeiten, Aborten. Jeder scheint jederzeit und überall erreichbar, alles jederzeit und überall sagbar. Nur der Weg des Gesagten ist ein anderer geworden. Nicht mehr direkt bi-lateral, so wie in unverbundenen Zeiten, gehen Gespräche vonstatten, sondern den Umweg über das Indirekte – zuerst also über die Luft und dann hinein in das Apparat- und schließlich Hörgehäuse des Empfängers. Doch ist der Empfänger allzeit bereit für ein „Gespräch“? Mitnichten !

Seit das Sprechvehikel Handy sich das Primat über die Kommunikation erobert hat, gibt es keine willigen Empfänger mehr. Was sie empfangen, ist ein Klingeln und somit ein Signal, das den Empfänger bei irgend etwas unterbrechen wird. Das Handy als Unterbrecher. „Bin gerade unterwegs!“, „Hab gerade eine Sitzung!“, „Bin gerade beim Essen“, „Muss gleich fort!“, „Bin gerade bei einer Familienfeier!“, „Sitze gerade am Abort!“ – „gerade“ ward zum Handy-Unwort. Es singalisiert Beschäftigtheit, Besetztheit, Unabkömmlichkeit. Wer jemanden am Handy anruft, erhält zumeist als Antwort eine Nicht-Bereitschaft. Das unselige „gerade“ setzt sich mit seiner schweren Bedeutung sofort auf den Wunsch des Anrufers, mit der angewählten Person in Verbindung zu treten. „Gerade „ ist immer wichtiger als ein Fremdbedürfnis. „Gerade“ ist Spontanverweigerung, begleitet vom Abwehr-Krachen schlechter Verbindungsumstände, oder vom Schwurbeln eines Fahrtwindes (der Mensch im All?), von lebendigen Hintergrundstimmen, Ansagen in Straßenbahnen und Flughäfen, oder von der Atemlosigkeit des Angewählten, der „gerade“ dabei ist, seinen rechten Fuß auf den Mond- oder Marsboden zu setzen.

Noch nie war es mir möglich, per Handy ein brauchbares Gespräch zu führen. Das Wort „gerade“ begann ich allmählich als Beleidigung zu empfinden, denn nichts lag mir je ferner als das Bedürfnis zu erfahren, was denn am anderen Leitungsende das Blockade-Tun des Moments sei. Das hat er nun davon, der Mensch, von seiner allzeitigen Erreichbarkeit, die ihm die Rechtfertigung für jeden Akt der Gegenwart abverlangt. Die meisten tönen gereizt, wenn man sie am Handy erreicht, man stört „gerade“. Und man stört offensichtlich immer. Denn immer ist immer jetzt.

Zu lautes Gekrächze, als müsse er „gerade“ einen Schwarm tollwütiger Wespen abwehren, schallt aus dem fernen Allzeit-Hallophon in das Ohr eines Gesprächsbedürftigen, der sich eigentlich alles andere als das Abwehrgestammel eines Überbeschäftigten gewünscht hat. Man wird verschoben, vertröstet auf ein unbestimmtes Später, wer weiß denn schon, wie lange die Schwerbeschäftigung des Empfängers andauert ? Wozu eigentlich das Ganze, wenn Dauerbehinderung den Gesprächsfluss stoppt ? Und was narren eigentlich zwei Handyphoner einander in ihrem rasenden Jetzt gerade zu ? Ihr Ping-Pong der Überwichtigkeiten ? Gestern rudelgebumst ? Jetzt groggy ? Gähn, krächz – wichtig ! Muss weiter .. Wohin ? In die Fortsetzung des klingelnden Nichts ?
Weitersagen, dass man ein Sprecharsch ist ?

An manchen Tischen sitzen zwei oder mehrere Menschen. Sie sprechen nicht miteinander, weil die Ausspucke des Moment-Gebarens in ihr Handy so ungeheuerlich wichtig erscheint, dass man es einem anderen, nicht Vorhandenen, umgehend mitteilen muss, auch wenn es diesen gerade beim Wichtigsein stört. Der ständige Auswurf von Bedeutungslosigkeiten über den Äther bringt den ganzen Planeten zum Klingeln. Überall sprechende Einzelgänger, scheinbar gut gelaunt, unruhig geschäftig im Blick, ihr wahres Umfeld nicht wahrnehmend. Hauptsache allein, mit einem galaktischen Stimmgewusel am anderen Ende. Das ist Jenseitsspekulation. Sucht man den lieben Gott ? Per Handy ?

Das Klingeln ist ein Indikator. Je weniger es mitzuteilen hat, desto häufiger schrillt ein Bedürfnis aus den Apparaten. Darüber zu schweigen, dass es gerade nichts zu sagen gibt, wäre Sublimation, eine Aufwertung des Sprachlosen, Nicht-Gesagten, in Anerkennung des Nutzwertes von Worten, die echtes Leben beschreiben.


Beatrix Pirchner

Yoshikichi Furui

Bin gerade über Perlentaucher.de zu dem "Presse"-Artikel zu Sprachsalz gestoßen und bin neben der Freude, dass Furui mit solcher Spannung erwartet wird natürlich doppelt traurig, dass er nicht kommen konnte. Hier noch ein Auszug aus seinem Absagebrief, den wir auch morgen bei der "Ersatz-Lesung" and die Wand beamen werden:
Mail0001
Nobuo Ikeda und Peter Giacomuzzi werden jedoch morgen ihr Bestens tun, um Furui möglichst würdig zu vertreten: Nobuo hat exklusiv für Sprachsalz einen neuen Text von Furui übersetzt! Die Lesung findet übrigens nicht im Kursaal, sondern in Saal 3 statt.

alle jahre sprachsalz oder: zwischenzeitlich

weniger verdienen als letztes jahr
sich bedauern

sich jeden mist andrehen lassen
sich ärgern

sich ein rundfunkgerät auf abzahlung kaufen
sich achten

sich fordern sich überanstrengen sich quälen
sich entspannen in den bergen

sich einer gemeinschaft angesellen
sich versammeln

sich fordern sich über überanstrengen sich quälen
sich verehren als mann der das land aus der wirtschaftskrise führt

sich in eine rolle klopapier verlieben
sich medikamentieren

sich in den schnee werfen
sich aufraffen

sich auf den beinen halten
bis sprachsalz

es freut sich auf übermorgen: luna llena

Kompliment und Dank

Kompliment dem Weblogmaster, dem wir die wundervolle Audio-Dokumentation von Sprachsalz verdanken! Es gab nämlich einige Lesungen, zu denen ich nicht hingehen konnte und die ich mir dann über die Audiomitschnitte angehört habe. Dass das Tippen einige Zuhörer gestört hat, kann ich schon verstehen, aber man kann’s halt nicht allen Recht machen. Jedenfalls finde ich, dass das Weblog eine sehr schöne Ergänzung zu dem Sprachsalzprogramm ist und dass es unbedingt auch nächstes Jahr weitergeführt werden sollte. Habe gestern in der Dschungel.Anderswelt Albans Tagebucheinträge zu Sprachsalz nachgelesen und dachte, dass es natürlich schön gewesen wäre, wenn sich mehr Autoren am Sprachsalzweblog beteiligt hätte. Doch diese Form der privaten Öffentlichkeit liegt wohl nicht jedem (mir auch nicht) oder ist ganz einfach für die meisten noch gewöhnungsbedürftig. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf Sprachsalz plus Weblog 2007!

respect the poets

bitte neue türe im kleinen kursaal
bitte kein fotografieren während den lesungen
bitte kein computertippen während den lesungen
bitte ein publikum finden, das pünktlich erscheint oder immerhin einsieht, dass man nicht in eine lesung hineinplatzt - respektlos dem autor (der doch eine stimmung aufgebaut hat oder dran ist eine aufzubauen) und dem publikum (das sich reinkniet ins zuhören) gegenüber.
respect the poets

schönheiten oder nie nämlich haben wirs ganz

immer noch beissen wir nicht, ach (...) ständig um zeugen bemüht und ansehen, dichtet alban nikolai herbst und dichtet auch: verzweifelt am eigenen innern, doch männlich. und: welt schaffen immer nur irdisch begrenzte. während rainer weiss feststellt, dass was dran sei am niedergang der lesekultur und chotjewitz feststellt, kleinverlage seien ja auch nichts. raphael urweiders gin ist der hund unter den schnäpsen und der absinth sei weit überschätzt und des kräuterpfarrers dunkle seite. schrecklich banal findet nicht nur die röggla die banalität und roger monnerat erfindet bürofiguren, die gerichtlicherweise aussagen, dass doktor meltzer - und das müsse man ihm zugute halten - zwar an der kaffeemaschine, aber nie im labor gewütet habe. so viel satzschönheit, und so viel anderswo verpasst denn nie nämlich, dichtet wieder herbst, hätten wirs ganz.

Grüsse

liebe sprachsalz-aktionisten!

ich wünsche euch ganz herzlich gutes gelingen!
leider kann ich dieses jahr nicht dabei sein -
vaterpflichten ...

so sei euch der (literarische) salzstreuer 2006
prall gefüllt
und lasse es heftig würzen ...

liebe grüße

norbert mayer

Korridor

Das Wort Korridor wird demnächst durch das Wort Koffer ersetzt.

Ein literarisches Rätsel von Markus Köhle

Sprachsalz
Sprachs als das Festival geboren wurde

Was heißt hier "bafeln"?
Sprachs als Onkel Pepins Redefluss losbrach

Bücher werden aus Büchern gemacht
Sprachs als das Manifest fertig gestellt war

Von 10 Dingen, die uns ärgern, würden es 9 nicht vermögen, wenn wir sie recht gründlich aus ihren Ursachen verständen und daher die Notwendigkeit oder ihre wahre Beschaffenheit einsähen
Sprachs als organisationstechnisch mal was schief lief

Nichts bleibt, wenn man von der Wirklichkeit die Perspektive abzieht
Sprachs als Gott erledigt war

Wenn keiner mich fragt, was Zeit ist, dann weiß ich es, wenn mich einer fragt und ich es erklären soll, dann weiß ich es nicht mehr.
Sprachs als die Zeit angebrochen war

Cedere maiori virtutis fama secunda est
Sprachs als man sich als Mitarbeiter anheuern ließ

Musik am 15.

Jens Tönnemann von der Wäscherei P schickt uns noch erfreuliche News für den Freitag Abend von sprachsalz, nach der Lesung von Kathrin Röggla und Leopold von Verschuer.


Hallo Magdalena...

Anbei die Kurzinfo zur "Bugatti-Band", die den Abend in ein Literatur-Fest verwandeln werden... Liebe Grüße und auf bald von Jens


"Bugatti Band"

Roma-Musik, live, pulsierend und betanzbar...

Aus verschiedenen Regionen des Balkans kommend & mit den "zwei wichtigsten Instrumenten" der Roma-Musik ausgestattet, der Violine und der Stimme mit dem typischen Tremolo, zelebriert die Bugatti-Band einen frischen, urbanen Mix (ex-)jugoslawischer, bulgarischer und rumänischer Roma-Musik - mal wild, mal melancholisch und immer mit viel unverfälschter Freude am Spiel.
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sprachsalz11

weblog zu den 9. internationalen literaturtagen sprachsalz 9.–11. september 2011, hall in tirol

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