Franzobel

quelle: www.franzobel.at

Franzobel schreibt per Email:

"ich häng einfach eine Stelle aus dem gerade in Arbeit befindlichen Romanmanuskript "Der Siebte Kontinent oder das österreichische Kamasutra" rein.
Entscheiden Sie selbst, wie lang die Stelle sein soll."


Da hier im Blog ja keine Platznot herrscht, will ich den LeserInnen natürlich kein Zeichen vorenthalten, also bitteschön:

Ausschnitt aus dem Romanmanuskript "Der Siebte Kontinent oder das österreichische Kamasutra"

Da ist die Bounarotti-Pietà schon raffinierter. Da schaut die junge Mutter ihrem Sohn verlangend aufs Gemächt, das ihr der Sterbende entgegenstreckt. Das Skandalöse dieser Skulptur ist nicht, dass der Sohn keine Windel trägt, keine grüne Soße aus einem weißen Knäuel tropft, nicht Ich wollt ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun summt, sondern dass es sich dabei um den in Stein gemeißelten letzten Augenblick vor einer inzestuösen, nekrophilen Sache handelt. Gleich wird die junge Mutter ihrem toten Sohn das Lendentuch wegreißen und ihm voll mütterlicher Verzweiflung, weil ihr der Sohn vorgestorben ist, einen blasen. Aber vielleicht ist die Auferstehung, die Erlösung von den Sünden, genauso skandalös?
Ich habe die Geschichte mit der Himmelfahrt (am dritten Tage auferstanden) ja nie kapiert, hieß es nicht, nur die Seele würde ins Paradies hochfahren, nicht aber der Körper? Doch wozu musste dann Jesus’ Leiche aus dem Grab verschwinden, die Maria Magdalena einen Schock erleiden? Um die Ungläubigen zu überzeugen? Wozu musste der Körper in den Himmel fahren, wenn es vorher immer hieß, nur der Geist, den man nicht sieht? Weil jede Bewegung Mitläufer braucht, um groß zu werden?
Gut, zu solchen Gedanken kamen die Menschen, die sich da vor der Pietà drängten, nicht. Die schauten nur apathisch durch ihre Kameras und sahen nichts. Knipsen und abhaken, das war alles, was sie taten. Durch die Fotografie hat der Mensch das Sehen verlernt. Die Fotografie ist eine der schlimmsten Errungenschaften. Ihre Erfinder gehörten ausgegraben, öffentlich angeklagt, verurteilt, die Zeigefinger gehörten ihnen abgehackt, die Augenhöhlen zugekleistert, ihre verwesten Leiber hingerichtet. Ihre Knochen gehörten zerstampft und in den Tiber geschmissen – so wie man es seinerzeit mit Papst Formosus getan hatte. Die Erfinder der Fotografie machten die Menschen blind, so wie die Erfinder der modernen Fortbewegungsmittel die Menschen zu Krüppel machten, und die Schöpfer von borneografischem Material die Lust auf dem Gewissen hatten.
In einem Seitentrakt wurde eine Messe gefeiert, ein Kyrieeleison schraubte sich in mein Ohr. Herr Christus, du hast für uns getragen Kreuz und Leiden. Du bist auferstanden von den Toten. Ich, noch immer magisch angezogen von dieser Kirche aller Kirchen, obwohl ein Teil von mir sich hier sehr unwohl fühlte, rausdrängte, kam an einen krausköpfigen Bronze-Petrus, dessen Füße von Millionen Pilgern geküsst worden waren, sodass sie nun nur noch abgeschliffene Stumpen waren. Bakterienüberträger. Man müsste Desinfektionssprays danebenstellen, wie sie es in Hallenbädern zur Fußpilzbekämpfung gibt.
Ich wandte mich ab, blickte gen Himmel, summte immer noch Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun und sah eine Taube im Bernini-Baldachin. Nicht schon wieder. Besser der stille Spatz in der Hand als die sprechende Taube auf dem Dach. Nein, denn diese war aus Bronze. Doch da war auch eine echte, flog durch die gigantische Kuppel, an deren Rand sich ein Mosaikband wand: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Ich zählte, wie viele Kassettenreihen zur oberen Laterne liefen, 16. Jetzt erkannte ich auch kleine Menschen im Inneren der Kuppel. Winzige stecknadelgroße Köpfe, die wie Kugeln durch ein Roulette liefen, unmöglich, ihre Gesichter zu erkennen.
Da rempelte mich was, sah ich, wie bei der Nische des heiligen Andreas Menschen eine Treppe runterstiegen. Damen mit fleischfarbenen Strumpfhosen, Mädchen mit prallen Ärschen. Ich, freier Wille oder nicht, folgte ihnen, gelangte in den Keller der Peterskirche. Ein Weinkeller? Erlesene vatikanische Tropfen? Ein Ort, wo junge gepflegte Füße Kraut oder Weintrauben stampften? Nein, ein Leichenkeller! Ich sah das Grab des Petrus und andere Schreine. Da lag Papst Innozenz IX. neben Paul VI. und Johannes Paul I. neben Johannes Paul II. Ein Parkhaus für tote Päpste, eine Papstleichentiefgarage. Was das bedeutete, sämtliche sterblichen Überreste der Stellvertreter Gottes an einem einzigen Ort zusammengepfercht? Also ich möchte da nicht beerdigt sein, für mich kommt nur der Sumpfinger Friedhof infrage. An meinem Grab sollte dereinst ein feister Engel stehen, der rülpst und jeden Besucher anfaucht:
-Jetzt brauchst nicht mehr kommen. Jetzt ist es zu spät. Aus der Erde würde ein Pissstrahl kommen, und über dem Grab sollte ein zweiter Engel mit entblößtem Hintern hocken, der kackt. Eine lange braune Wurst, auf der eingemeißelt steht: Alles ist vergänglich. So wünsche ich mein Grab und nicht wie diese Papstgarage, wo die Gebeine nicht einmal beerdigt waren, weil jede Erde fehlte, wo man sich schrecklich unwohl fühlte.
Zurück im Dom, wieder das Kyrieeleison, immer noch das Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, verspürte ich wieder diesen dunklen Drang, der mich antrieb, die Kuppel hochzusteigen. War die Taube noch dort oben? Nein, aber etwas anderes, etwas, das den ganzen Tag gelauert hatte, kam jetzt in Bewegung, stieg auf die Brüstung, seinem Schicksal Bahn zu brechen. Ein Prediger? So wie du, Mama, als Kind immer Prediger werden wolltest, mitten in der Wirtsstube auf Stühle gestiegen bist, um die Arme auszubreiten und den besoffenen Gästen Hört mich an und Ich aber sage euch, eure Zeit wird kommen, das Brandgericht, darum streut Asche auf euer Haupt, kehrt um entgegenzuschmettern. Du hast den betrunkenen Gesellschaften im Saurüssel wahre Moralpredigten gehalten, ihnen ihre Verkommenheit mitten ins Gesicht gespuckt, so lange, bis dich Großmutter heruntergeprügelt hat, weil das nicht gut für das Geschäft sei, weil du ohnehin kein Pfarrer werden konntest. Nein, kein Prediger.
Schreie stießen lotrecht in die Tiefe, abgehackte, spitze Schreie, Aufseher eilten hinzu, tumultartige Szenen, wahrscheinlich eine Demo, nein, der auf die Brüstung Gekletterte stieß die Aufseher zurück, schrie etwas von Ikarus, machte flatternde Armbewegungen, Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, sprang hoch, tat, als könnte er fliegen, fuchtelte mit seinen Armen, aber umsonst. Du bist auferstanden von den Toten. Alles das geschah beinahe lautlos innerhalb nur weniger Augenblicke. Ich war selbst am Weg auf diese Kuppel, hielt jetzt inne, sah gebannt empor. Es war wie in einem Film über die ersten vergeblichen Flugversuche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bloß dass man hier auf keine Pausentaste drücken konnte, und da passierte es, die Katastrophe. Kyrie eleison. Ich legte vormittags ein Ei und nachmittags wär ich frei. Mich lockte auf der Welt, kein Ruhm mehr und kein Geld, und fände ich das große Los, dann fräße ich es bloß.

Wie einen Sack voller Kartoffeln zog es den Menschen runter, da konnte er mit den Armen rudern, was er wollte, zwar bewegte er sich etwas vorwärts, doch nicht viel, gerade weit genug, um einen Engel auf dem gigantischen Bernini-Baldachin zu treffen. Mit einem einzigen hingespuckten Klatsch (wie es Püree am Teller macht) war der Flug zu Ende. Der Mensch wurde zerrissen, platzte wie ein an die Wand geworfener Knödel, wie eine faule, vom Baum gefallene Pflaume. Körperteile flogen durch den Petersdom. Der Rumpf, dem es die Gedärme rausdrückte, landete mit einem dumpfen, schmatzenden Geräusch am Marmorboden, lag da wie weggeworfene Erdäpfelschalen. Ein Arm blieb am goldenen Engelsflügel hängen, baumelte wie das Signal eines Zugbegleiters. Dieser Zug war abgefahren. Die Seele dieses Menschen war entgleist, sein Körper überrollt. Wegen der plötzlichen Erkrankung eines Fahrgastes kommt es zu Verzögerungen… Aber der Petersdom war keine U-Bahn. Touristen brachen beim Anblick des Ketchups, nein, es war Blut, und der aus Fleischstücken hängenden Sehnen und Fettfäden ohnmächtig zusammen, andere, unfähig zu sehen, filmten oder fotografierten dieses Menü des Grauens. Einzelne spitze Schreie steckten im Raum wie Stricknadeln in einem Wollknäuel, verhedderten die Besinnung. Geschrei, wie ich es bei allen Geburten, Leichen und Gangbangs zusammen nicht erlebt hatte.
Erst langsam sammelten sich die bleichen, als Wachmänner angestellten Waschlappen, versuchten, die Überreste abzuschirmen, die Fotografen abzudrängen. Einer kleinen Japanerin war ein nackter Unterschenkel mitsamt einem Fuß in die Arme gefallen. So stand sie da mit diesem Fuß in Ringelsocken, der gleich einem toten Kind in ihren Armen lag; hilflos wie damals die Besoffenen im Saurüssel bei deinen Predigten. Sie weinte.
Manche, die vielleicht gefürchtet hatten, ein Flugzeugattentäter könnte in den Petersdom rasen, schrien Attentat, Terroranschlag, Flugzeug, dann sahen sie mich, einen dicken Piloten, und gerieten völlig durcheinander, bekreuzigten sich, drängten wie die anderen zum Ausgang, ohne auf Details zu achten. Auf der Lanze der Statue des heiligen Longinus steckte ein Fuß, Blut tropfte wie der Saft einer gierig genossenen Frucht auf weißen Marmor.
Wäre ich nicht von der panischen Menge fortgerissen worden, ich hätte dieses Bild genossen. Als Hebammer, Puffvater und Sargträger ist man einiges gewöhnt. So aber sah ich etwas, das alles Bisherige übertraf, die ganze Szene pointierte, steckte doch auf den emporgereckten Fingern des verklärt dreinschauenden Klumpfuß-Petrus wie eine aufgespießte Melone der Kopf des Herabgestürzten. Seine Augen, dunkel wie verfaulte Oliven, waren aufgerissen, die Zunge, grau belegt, hing ihm aus dem Mund, sein schwarzes Haar war frisch gekämmt, und aus dem Hals baumelten Sehnen, Muskelstränge. Ein Aufgespießter. Und wie ich noch überlegte, ob dieser Kuppelspringer, der so offensichtlich glaubte, fliegen zu können, auch ein Vogelversteher gewesen war, ob auch er von einer dunklen Macht in die Kuppel getrieben worden, ein Virus in Umlauf war, eine neue Vogelgrippe, auch ich so enden würde, als aufgespießter Kopf an Petris Zeigefinger, spülte mich die keuchende, stöhnende, kreischende Masse hinaus. Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun.
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weblog zu den 9. internationalen literaturtagen sprachsalz 9.–11. september 2011, hall in tirol

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