Leider...

Publikum

...sind die Probleme mit unserem Streaming-Server immer noch nicht gelöst, aber ich arbeite dran, Mitschnitte dann so bald wie eben möglich hier. Aber vielleicht wollen Sie Sich in der Zwischenzeit ein paar Fotos anschauen: Erste Fotos von Sprachsalz 2010

Fabio Stassi

Fabio Stassi

Fabio Stassi liest, Ernst Gossner übersetzt:

Stassi (mp3 Stream)

Hettie Jones

Hettie Jones

Hettie Jones liest Gedichte, Verena Mayr die deutschen Übersetzungen:

Jones (mp3 Stream)

Garbriele Loges

Gabriele Loges

Gabriele Loges liest Gedichte aus "Der Tisch des Dichters" und "etwas Leichtes":

Loges (mp3 Stream)

Katharina Lanfranconi

Katharina Lanfranconi

Katharina Lanfranconi liest eine Auwahl aus ihren fünf Gedichtbänden:

Lanfranconi (mp3 Stream)

Michel Butor

Michel Butor

Michel Butor liest und Burkhard Jahn leiht ihm seine deutsche Stimme:

Butor (mp3 Stream)

Und wenn...

...der Server, auf den die Mitschnitte geladen werden sollten, wieder will, werden sich hier bald die Mitschnitte von heute finden, bleiben Sie also dran.

Sigitas Parulskis

Sigitas Parulskis

hier im Gespräch mit Urs Heinz Aerni und Übersetzerin Lina Kaiser liest aus "Drei Sekunden Himmel" und Gedichte, Ernst Gossner leiht ihm die deutsche Stimme:

Parulskis (mp3 Stream)

Franzobel

Franzobel

wird von Markus Köhle vorgestellt und liest aus "Österreich ist schön. Ein Märchen" und "EIXT III":

Franzobel (mp3 Stream)

Peh

Peh

vorgestellt von Martin Kolozs, erklärt was Poetry Slam ist und performt den Text "Es gibt diese Tage":

Peh (mp3 Stream)

Erika Wimmer

Erika Wimmer

anmoderiert von Heinz D. Heisl, liest am Freitag auf der Terrasse aus ihrem Roman "Die dunklen Ränder der Jahre":

Wimmer (mp3 Stream)

In wenigen Minuten...

Mein Arbeitsplatz

... beginnt das Sprachsalz 2010, das Festivalbüro füllt sich bereits, mein Arbeitsplatz steht - bald gibt es hier also die ersten Mitschnitte von den Lesungen.

Nur mehr...

sunset

... zwei Tage bis zum Sprachsalz 2010 in Hall i.T. - und dann werden sich hier auch wieder Mitschnitte, Bilder und Eindrücke von den Lesungen sammeln. Ich freu mich schon.

Gabriele Loges

quelle: www.schriftsteller-in-bawue.de/impress.php

Von Gabriele Loges der Anfang des Textes "Vielleicht ist es ja nur ein Traum", erschienen in: Ausgehen, 19. Würth-Literaturpreis. Mit e. Vorw. v. Feridun Zaimoglu. Hrsg. v. Dorothee Kimmich. Swiridoff Verl. 2008, S. 85 ff.:

Weißt du, hat er zu mir gesagt, weißt du, eigentlich kann es nicht wahr sein. Ich sehe sie, sagte der Mann dann noch, ich sehe sie, wie sie die Treppe hinunterrennt, sich umdreht, ihr braucht nicht auf mich zu warten, geht schon mal ins Bett, in eurem Alter ist das vernünftiger. Was wusste sie schon vom Alter. Vor dieser Nacht waren wir jung.
Und dann, fuhr er fort, und dann waren wir so froh, dass wir nichts gemacht haben, gegen das Mädchen, das andere, das noch gekommen ist, zwei Jahre zuvor, obwohl meine Frau doch schon über vierzig war und die Kollegen bei der Arbeit mich fragten, ob ich eingeschlafen wäre, auf ihr. Jetzt sind wir froh, die Kleine hat uns gebraucht.
Wir haben sie gebraucht.
Für meine Frau, meine Elsa, war es noch schlimmer. Beinahe hätte sie es nicht geschafft. Die Ärzte haben dann geholfen, aber sie musste in den sechsten Stock, musste ins Krankenhaus, du weißt schon, im sechsten Stock sind die Verrückten. Doch dort hat sie es nicht ausgehalten, auch ich nicht, wenn ich sie besucht habe. Ich wollte nicht mehr hingehen, aber die Große hat gesagt, Papa, du musst, Mama braucht dich jetzt, aber bei mir hat sie immer angefangen zu weinen: wo ist sie, sag es mir doch, wo ist sie? Aber ich wusste es auch nicht. Einmal habe ich sie noch gesehen. Annerose, ein schöner Name, findest du nicht? Davon wollte ich meiner Frau nichts erzählen, das hätte ihr überhaupt nicht geholfen, im Gegenteil. Elsas Gesicht wurde in diesem Jahr ganz rund, alles an ihr wurde rund wie ein Mond und weich und leer. Nur wenn ich bei ihr war, kam ein wenig Glanz in ihre Augen, sie wollte alles wissen, wollte wissen, wie Annerose aussah, und ob nicht alles doch ein Traum gewesen sei, aber ich habe nichts gesagt, die Erinnerung ist grausam, die Vergangenheit immer schneller als die Zukunft.
Ausgerechnet von mir wollte sie Hilfe. Wenn ich beim Rasieren im Spiegel meine leeren Augen gesehen habe, bin ich weggegangen, meist ins Wirtshaus.
Als meine Frau wieder zu Hause war, hat sie überall im Haus Bilder von Annerose aufgestellt. Sie suchte wie eine Verrückte nach einem Foto, auf dem sie lacht, als Schulkind, bei der Erstkommunion, bei der Schulentlassfeier, nachher beim Abschluss der Lehre, nirgendwo lacht Annerose. Dabei lachte sie oft, nur nicht auf Fotos. Elsa, sagte er, Elsa geht jeden Tag auf den Friedhof; so, als müsse sie sich vergewissern.

Michel Butor

quelle: quelle: de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Michel-Butor.jpg

Ein Gedicht von Michel Butor:

JE DIMINUE

(pour Marie-Jo)

Avez-vous revu récemment
notre vieux Michel il n'est plus
si sémillant si frétillant
qu'auparavant il était bon
d'ailleurs qu'il s'assagisse un peu
même si à travers son rire
tonitruant il y avait
toujours chez lui du taciturne

Il était resté longtemps jeune
presque un enfant toujours ailleurs
poursuivant problèmes chimères
et puis retombant sur la Terre
avec un regard étonné
en essayant de compenser
maladroitement son absence
par un surcroît de politesse

À vrai dire je l'ai croisé
il y a juste quelques jours
à quelque commémoration
je l'ai reconnu tout de suite
en me disant sur le moment
qu'il avait pourtant bien changé
front dégarni pas mal de ventre
paupières bouffies maintes rides

Oui de plus en plus dur d'oreille
mais on ne sait exactement
quand il vous répond à côté
si c'est vraiment la surdité
ou bien distraction dérobade
car au bout de quelques instants
émergeant rieur de ses brumes
il retrouve le fil perdu

Il se plaint parfois plaisamment
ma mémoire me joue des tours
le matin quand je me promène
c'est de moins en moins longuement
le territoire que j'arpente
se rétrécit de plus en plus
j'admire au détour des chemins
les régions que je préférais

Apprendre hélas je voudrais bien
c'était le plus grand des plaisirs
mais le moindre appareil nouveau
me rend honteux de maladresse
sans parler des ordinateurs
que les enfants savent si bien
piloter dans leurs aventures
effleurant les champs du savoir

Ce qui diminue sûrement
c'est le nombre des jours qui reste
à vivre on ne peut le savoir
que lorsqu'on arrive au dernier
alors les autres se souviennent
font des calculs et aperçoivent
le moment fatal approcher
dans l'ombre des rétrospectives

Contre la mauvaise fortune
faisant bon coeur on se persuade
que ce que l'on perd d'un côté
en endurance et gaillardise
on peut le regagner ailleurs
on découvre les avantages
de la lenteur pour infiltrer
les fissures des lendemains

Isolde Schaad

quelle: de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Isolde_Schaad_2007.jpg&filetimestamp=20091009174235

Ein Textausschnitt aus Ihrem Roman „Robinson und Julia“ von Isolde Schaad:

Als ich an jenem Tag, bevor die Krankheit ausbrach, in der Frühe am Fenster stand, wünschte ich mir, dass alles noch einmal von vorn anfinge. Und meine Augen verfolgen würden, wie sich die Alpen lautlos verfalten. Atemberaubend wäre die Erschaffung der Welt ohne Tonkulisse. Aber

Gott ist ein Mann. Das heißt, er muss kompensieren, und so ist er mit all seinen Namen mehrere Männer aufs Mal, die sich um den richtigen Glauben streiten. Zwar ist der Donner, den er deswegen verursacht, noch das geringste Übel, das er uns eingebrockt hat. Später wird er die Kanone einführen und dann das Turbogeheul von Porsche, Alfa und Maserati, das sei unverzichtbar für das Männergeschlecht; allerhand, wenn man bedenkt, dass die Natur Milliarden von Jahren ohne Kanonen, Alfas und Porsches auskam. Und soll noch eine kommen, eine feministische Theologin oder so, und behaupten, Gott sei kein Mann.

Wer in der Frühe an der Fassade unserer Mietskaserne emporblickt, entdeckt eine Frau im Fenster, die sich eine Haarsträhne aus der Stirn streicht. Wie gesponnenes Gold. Später, in der Abendsonne, wird es dann sein, als winke diese

lichtdurchflutete Person aus einem Gemälde. Das bin ich, Verzeihung, das möchte ich sein.

Die AutorInnen 2010

Zur schnellen und leichten Auffindung finden Sie hier eine komplette Auflistung und Verlinkung der Text-, Audio- und Videobeiträge am Weblog, alphabetisch geordnet nach den Nachnamen der AutorInnen des Sprachsalz 2010:

~ Michel Butor (Text, Audio, Sprachsalz-Abend-Audio)
~ Franzobel (Text, Audio)
~ Gabriele Loges (Text, Audio)
~ Monika Helfer (Text, Audio)
~ Hettie Jones (Text, Audio, Sprachsalz-Abend-Audio)
~ Georg Klein (Text, Audio)
~ Georg Kreisler und Barbara Peters (Sprachsalz-Abend-Audio)
~ Katharina Lanfranconi (Text, Audio)
~ Sigitas Parulskis (Text, Audio)
~ PEH Paula Gelbke (Audio)
~ Isolde Schaad (Text, Audio)
~ Fabio Stassi (Text, Audio)
~ Carl Weissner (Audio)
~ John Wray (Text, Audio, Gespräch)
~ Rainer Wieczorek (Text, Audio)
~ Erika Wimmer (Text, Audio)

+ Überraschungsgast Michael Lentz (Audio)
+ Überraschungsgast Gerhard Rühm mit Monika Lichtenfeld (Audio)

+ Sprachsalz-Club I (Audio)
+ Sprachsalz-Club II (Audio)

Rainer Wieczorek

quelle: de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Pressefoto_Wieczorek_Dittrich.jpg&filetimestamp=20100803124410

Als Kostprobe von Rainer Wieczorek gibt es einen Auszug aus seiner Tuba-Novelle.

Ausschnitt aus "Tuba-Novelle"

Vielleicht sollte er den weißen Seiten einige Fußnoten hinzufügen, dachte er am folgenden Morgen, ein Nachwort vielleicht: So viel Zeit gab es noch, so viel Zeit musste noch übrig sein. Ein Nachwort über das Schöpferische und das Störende, ein Nachwort, das skizzenhaft, vielleicht auch nur schemenhaft über Beckett in Ussy hinausging, das also geeignet war, ihm wie Anderen den Weg zu weisen für eine umfassendere, grundlegendere Kulturkritik, als er sie unter diesen Bedingungen zu formulieren verstand.

Die Arbeit an der Hindemith-Sonate wurde an diesem Morgen nicht fortgesetzt, stattdessen gab es eine Mixtur aus Binde- und Staccato-, Triller- und Sforzato-Übungen, und er bemerkte mit Befriedigung, dass er beim Sforzato nicht mehr zusammenzuckte, bei keinem Sforzato.
Nach einer Pause gab es ausgehaltene Töne.
Im Institut würde all dies nicht mehr zu hören sein, und die Frage war angebracht, ob er überhaupt noch in der Lage sein werde, sich ohne Tuba auf ein institutionelles Tagwerk ausrichten zu können, denn, das bemerkte er staunend, es häuften sich die Momente, in denen er es geradezu genoss, wenn die Tonkaskaden der Tuba in die ganz tiefe Lage rauschten, und die Tuba das tat, wozu sie geschaffen worden war.
Vielleicht hatte er am Anfang seiner Beckett-Studie den Fehler gemacht, zu abwehrend auf die Tuba-Übungen im Spanischen Haus zu reagieren. Es hätte die Möglichkeit gegeben, in der Störung die Musik auszumachen, in der Mühe, die man sich im Spanischen Haus gab, die eigene Mühe gespiegelt zu sehen, mit der Tuba zu schreiben statt gegen sie zu schweigen. Aber hätte er dann dieses Ergebnis erzielt ?

Fabio Stassi

quelle: it.wikipedia.org/wiki/File:Fabio_Stassi.jpg

Dank Fabio Stassi wird das Sprachsalzblog 2010 multilingual, da er uns eine Kostprobe aus dem italienischen Original seines Romans La rivincita di Capablanca (deutsch: Die letzte Partie) zukommen lässt.

Ausschnitt aus dem Roman "La rivincita di Capablanca"

A osservare tutta la vita una scacchiera, con ogni pezzo fermo a presidio della sua zona, Capablanca aveva ora iniziato a chiedersi quali relazioni intercorressero tra i pedoni di una stessa compagine. Tra quelli campochiaro e quelli camposcuro gli era più facile comprenderlo. Fronti che si opponevano secondo schemi che aveva osservato migliaia di volte. Ma all'interno di uno stesso colore, da un solo lato del tavolo, cosa univa un pedone a un altro? che legame correva tra un cavallo e un alfiere, tra le due torri, tra la donna e il re…? ogni metà scacchiera disegnava la trama di tutte le linee di forza che agiscono all'interno di una famiglia o di un esercito. Bisognava imparare a leggerle. Con le loro regole formali, il ventaglio delle varianti, i raggi d'azione e, alla fine, l'arrivo sempre puntuale di un errore. L'aprirsi di una crepa. Una frattura che nessun re sarebbe stato capace di prevedere, e annullare.
In Olanda era rimasto spesso con la mano sospesa per aria, incerto sulla mossa. In realtà quello che gli era venuto a mancare non era più la sicurezza che l'aveva reso così famoso in tutto il mondo. La verità era che non si fidava più dei suoi alfieri, aveva paura che i cavalli o le torri stessero congiurando contro di lui. Era una sensazione sconosciuta. Come se di colpo la sua stessa mano gli fosse divenuta estranea, e nemica.
A studiare e ristudiare le sconfitte di Morphy e degli altri grandi maestri gli sfuggiva sempre il punto di cedimento. Cosa lo aveva determinato era chiaro per l'intelligenza. Una catena di conseguenze. Ma da queste analisi mancava sempre qualcosa. Gli restava il sospetto di una malattia che si manifesta quando non c'è più tempo di rimediare. Un avvelenamento dell'organismo. L'insidia non veniva da fuori, ne era certo. Tutte le partite che aveva perso, era stato per un crollo interno e non per l'incalzare dell'offensiva avversaria. Perché si era rotto un equilibrio tra i suoi sedici pezzi e nessuno era stato capace di ristabilirlo. Per un atto di insubordinazione o di tradimento.
Forse stava impazzendo. Come quell'altro russo che aveva incontrato una volta, a Berlino, prima che la follia oscurasse il suo talento, ma senza riuscirci a giocare. Luzin, si chiamava. O come Morphy. Forse l'abitudine di visualizzare mentalmente la possibilità di un pericolo aveva corrotto anche a lui il coraggio e la ragione. Ma cosa generava la dinamica degli accadimenti? Quanti sacrifici si compivano in ogni colonna, in ogni fila, in ogni traversa? Quali alleanze, quali invidie si consumavano? Nelle posizioni di stallo chi era ostaggio di chi?
Era un gioco di mediazioni, quello, un gioco per acrobati e diplomatici com'era stato lui, una volta.
La notte prima dell'incontro di Rio Preto, nonostante Olga gli dormisse accanto, la solitudine gli ronzava nelle orecchie come una marea, il rombo ostinato e prigioniero di una conchiglia. Lo stesso rumore che doveva avvertire anche Aljechin a Parigi o dovunque fosse. Non riusciva a dormire, ma non soltanto per il vino bevuto. Gli era tornata in mente una domanda che si erano fatti una sera, per celia, a Pietroburgo. Cosa sogna un pedone, gli aveva chiesto il russo, e allora era parsa a entrambi una questione divertente. Adesso, a tanti anni di distanza, la faccenda gli suonava più misteriosa, e ostile. E per poco, in questa camera arredata con umiltà, ebbe l'impressione di avere capito. Cambiare natura. Raggiungere l'ottava traversa. Non rassegnarsi all'infelicità del proprio stato. La chiave di tutto era nell'ansia di una metamorfosi, nel sogno dei pedoni di diventare regine.

Katharina Lanfranconi

(c) Katharina Lanfranconi

Fünf Gedichte von Katharina Lanfranconi:

fliegerkappe

zur zeit bin ich
ein wenig leer

ein niemand
sozusagen

wogt eitel luft
nur um mich her

in blauen,
dünnen lagen

kämst du geflogen
als pilot

durch dieses
nebelmeer

ich setzte meine
kappe auf

und wär gleich
wieder wer


herbstspaziergang

wir schreiten
durch das
schwarze tor
der tannen

durch deren
unterholz die
weisse sonne
fäden flicht

im schatten
kreis steht
eine gruppe
fahler pilze

wie eine
totenstadt
im feuchten
dämmerlicht


mein regenschirm

mein regenschirm
war mir so nah

er stand wie ich
im regen

kein nieseln
das ihn traurig sah

selbst sturm
kam ihm gelegen

ich fürchte
dieser treue freund

wird fürderhin
mich hassen

ich hab ihn jüngst
bei sonnenschein

im café stehen
lassen


ich schrieb etwas

ich schrieb
etwas kleines

das schlief
mit mir ein

so wuchs es
verborgen

und schien
mir am morgen

ein wenig
gewachsen

zu sein


nicht mit dir

nicht mit dir
und nicht
ohne dich

nicht dich
mich nicht
und wie

ohne uns

Programm 2010

Für alle, die gerne langfristig planen, gibt es auch schon das genaue Programm online:

Programm 2010

Sprachsalz Trailer 2010

>

Franzobel

quelle: www.franzobel.at

Franzobel schreibt per Email:

"ich häng einfach eine Stelle aus dem gerade in Arbeit befindlichen Romanmanuskript "Der Siebte Kontinent oder das österreichische Kamasutra" rein.
Entscheiden Sie selbst, wie lang die Stelle sein soll."


Da hier im Blog ja keine Platznot herrscht, will ich den LeserInnen natürlich kein Zeichen vorenthalten, also bitteschön:

Ausschnitt aus dem Romanmanuskript "Der Siebte Kontinent oder das österreichische Kamasutra"

Da ist die Bounarotti-Pietà schon raffinierter. Da schaut die junge Mutter ihrem Sohn verlangend aufs Gemächt, das ihr der Sterbende entgegenstreckt. Das Skandalöse dieser Skulptur ist nicht, dass der Sohn keine Windel trägt, keine grüne Soße aus einem weißen Knäuel tropft, nicht Ich wollt ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun summt, sondern dass es sich dabei um den in Stein gemeißelten letzten Augenblick vor einer inzestuösen, nekrophilen Sache handelt. Gleich wird die junge Mutter ihrem toten Sohn das Lendentuch wegreißen und ihm voll mütterlicher Verzweiflung, weil ihr der Sohn vorgestorben ist, einen blasen. Aber vielleicht ist die Auferstehung, die Erlösung von den Sünden, genauso skandalös?
Ich habe die Geschichte mit der Himmelfahrt (am dritten Tage auferstanden) ja nie kapiert, hieß es nicht, nur die Seele würde ins Paradies hochfahren, nicht aber der Körper? Doch wozu musste dann Jesus’ Leiche aus dem Grab verschwinden, die Maria Magdalena einen Schock erleiden? Um die Ungläubigen zu überzeugen? Wozu musste der Körper in den Himmel fahren, wenn es vorher immer hieß, nur der Geist, den man nicht sieht? Weil jede Bewegung Mitläufer braucht, um groß zu werden?
Gut, zu solchen Gedanken kamen die Menschen, die sich da vor der Pietà drängten, nicht. Die schauten nur apathisch durch ihre Kameras und sahen nichts. Knipsen und abhaken, das war alles, was sie taten. Durch die Fotografie hat der Mensch das Sehen verlernt. Die Fotografie ist eine der schlimmsten Errungenschaften. Ihre Erfinder gehörten ausgegraben, öffentlich angeklagt, verurteilt, die Zeigefinger gehörten ihnen abgehackt, die Augenhöhlen zugekleistert, ihre verwesten Leiber hingerichtet. Ihre Knochen gehörten zerstampft und in den Tiber geschmissen – so wie man es seinerzeit mit Papst Formosus getan hatte. Die Erfinder der Fotografie machten die Menschen blind, so wie die Erfinder der modernen Fortbewegungsmittel die Menschen zu Krüppel machten, und die Schöpfer von borneografischem Material die Lust auf dem Gewissen hatten.
In einem Seitentrakt wurde eine Messe gefeiert, ein Kyrieeleison schraubte sich in mein Ohr. Herr Christus, du hast für uns getragen Kreuz und Leiden. Du bist auferstanden von den Toten. Ich, noch immer magisch angezogen von dieser Kirche aller Kirchen, obwohl ein Teil von mir sich hier sehr unwohl fühlte, rausdrängte, kam an einen krausköpfigen Bronze-Petrus, dessen Füße von Millionen Pilgern geküsst worden waren, sodass sie nun nur noch abgeschliffene Stumpen waren. Bakterienüberträger. Man müsste Desinfektionssprays danebenstellen, wie sie es in Hallenbädern zur Fußpilzbekämpfung gibt.
Ich wandte mich ab, blickte gen Himmel, summte immer noch Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun und sah eine Taube im Bernini-Baldachin. Nicht schon wieder. Besser der stille Spatz in der Hand als die sprechende Taube auf dem Dach. Nein, denn diese war aus Bronze. Doch da war auch eine echte, flog durch die gigantische Kuppel, an deren Rand sich ein Mosaikband wand: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Ich zählte, wie viele Kassettenreihen zur oberen Laterne liefen, 16. Jetzt erkannte ich auch kleine Menschen im Inneren der Kuppel. Winzige stecknadelgroße Köpfe, die wie Kugeln durch ein Roulette liefen, unmöglich, ihre Gesichter zu erkennen.
Da rempelte mich was, sah ich, wie bei der Nische des heiligen Andreas Menschen eine Treppe runterstiegen. Damen mit fleischfarbenen Strumpfhosen, Mädchen mit prallen Ärschen. Ich, freier Wille oder nicht, folgte ihnen, gelangte in den Keller der Peterskirche. Ein Weinkeller? Erlesene vatikanische Tropfen? Ein Ort, wo junge gepflegte Füße Kraut oder Weintrauben stampften? Nein, ein Leichenkeller! Ich sah das Grab des Petrus und andere Schreine. Da lag Papst Innozenz IX. neben Paul VI. und Johannes Paul I. neben Johannes Paul II. Ein Parkhaus für tote Päpste, eine Papstleichentiefgarage. Was das bedeutete, sämtliche sterblichen Überreste der Stellvertreter Gottes an einem einzigen Ort zusammengepfercht? Also ich möchte da nicht beerdigt sein, für mich kommt nur der Sumpfinger Friedhof infrage. An meinem Grab sollte dereinst ein feister Engel stehen, der rülpst und jeden Besucher anfaucht:
-Jetzt brauchst nicht mehr kommen. Jetzt ist es zu spät. Aus der Erde würde ein Pissstrahl kommen, und über dem Grab sollte ein zweiter Engel mit entblößtem Hintern hocken, der kackt. Eine lange braune Wurst, auf der eingemeißelt steht: Alles ist vergänglich. So wünsche ich mein Grab und nicht wie diese Papstgarage, wo die Gebeine nicht einmal beerdigt waren, weil jede Erde fehlte, wo man sich schrecklich unwohl fühlte.
Zurück im Dom, wieder das Kyrieeleison, immer noch das Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, verspürte ich wieder diesen dunklen Drang, der mich antrieb, die Kuppel hochzusteigen. War die Taube noch dort oben? Nein, aber etwas anderes, etwas, das den ganzen Tag gelauert hatte, kam jetzt in Bewegung, stieg auf die Brüstung, seinem Schicksal Bahn zu brechen. Ein Prediger? So wie du, Mama, als Kind immer Prediger werden wolltest, mitten in der Wirtsstube auf Stühle gestiegen bist, um die Arme auszubreiten und den besoffenen Gästen Hört mich an und Ich aber sage euch, eure Zeit wird kommen, das Brandgericht, darum streut Asche auf euer Haupt, kehrt um entgegenzuschmettern. Du hast den betrunkenen Gesellschaften im Saurüssel wahre Moralpredigten gehalten, ihnen ihre Verkommenheit mitten ins Gesicht gespuckt, so lange, bis dich Großmutter heruntergeprügelt hat, weil das nicht gut für das Geschäft sei, weil du ohnehin kein Pfarrer werden konntest. Nein, kein Prediger.
Schreie stießen lotrecht in die Tiefe, abgehackte, spitze Schreie, Aufseher eilten hinzu, tumultartige Szenen, wahrscheinlich eine Demo, nein, der auf die Brüstung Gekletterte stieß die Aufseher zurück, schrie etwas von Ikarus, machte flatternde Armbewegungen, Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, sprang hoch, tat, als könnte er fliegen, fuchtelte mit seinen Armen, aber umsonst. Du bist auferstanden von den Toten. Alles das geschah beinahe lautlos innerhalb nur weniger Augenblicke. Ich war selbst am Weg auf diese Kuppel, hielt jetzt inne, sah gebannt empor. Es war wie in einem Film über die ersten vergeblichen Flugversuche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bloß dass man hier auf keine Pausentaste drücken konnte, und da passierte es, die Katastrophe. Kyrie eleison. Ich legte vormittags ein Ei und nachmittags wär ich frei. Mich lockte auf der Welt, kein Ruhm mehr und kein Geld, und fände ich das große Los, dann fräße ich es bloß.

Wie einen Sack voller Kartoffeln zog es den Menschen runter, da konnte er mit den Armen rudern, was er wollte, zwar bewegte er sich etwas vorwärts, doch nicht viel, gerade weit genug, um einen Engel auf dem gigantischen Bernini-Baldachin zu treffen. Mit einem einzigen hingespuckten Klatsch (wie es Püree am Teller macht) war der Flug zu Ende. Der Mensch wurde zerrissen, platzte wie ein an die Wand geworfener Knödel, wie eine faule, vom Baum gefallene Pflaume. Körperteile flogen durch den Petersdom. Der Rumpf, dem es die Gedärme rausdrückte, landete mit einem dumpfen, schmatzenden Geräusch am Marmorboden, lag da wie weggeworfene Erdäpfelschalen. Ein Arm blieb am goldenen Engelsflügel hängen, baumelte wie das Signal eines Zugbegleiters. Dieser Zug war abgefahren. Die Seele dieses Menschen war entgleist, sein Körper überrollt. Wegen der plötzlichen Erkrankung eines Fahrgastes kommt es zu Verzögerungen… Aber der Petersdom war keine U-Bahn. Touristen brachen beim Anblick des Ketchups, nein, es war Blut, und der aus Fleischstücken hängenden Sehnen und Fettfäden ohnmächtig zusammen, andere, unfähig zu sehen, filmten oder fotografierten dieses Menü des Grauens. Einzelne spitze Schreie steckten im Raum wie Stricknadeln in einem Wollknäuel, verhedderten die Besinnung. Geschrei, wie ich es bei allen Geburten, Leichen und Gangbangs zusammen nicht erlebt hatte.
Erst langsam sammelten sich die bleichen, als Wachmänner angestellten Waschlappen, versuchten, die Überreste abzuschirmen, die Fotografen abzudrängen. Einer kleinen Japanerin war ein nackter Unterschenkel mitsamt einem Fuß in die Arme gefallen. So stand sie da mit diesem Fuß in Ringelsocken, der gleich einem toten Kind in ihren Armen lag; hilflos wie damals die Besoffenen im Saurüssel bei deinen Predigten. Sie weinte.
Manche, die vielleicht gefürchtet hatten, ein Flugzeugattentäter könnte in den Petersdom rasen, schrien Attentat, Terroranschlag, Flugzeug, dann sahen sie mich, einen dicken Piloten, und gerieten völlig durcheinander, bekreuzigten sich, drängten wie die anderen zum Ausgang, ohne auf Details zu achten. Auf der Lanze der Statue des heiligen Longinus steckte ein Fuß, Blut tropfte wie der Saft einer gierig genossenen Frucht auf weißen Marmor.
Wäre ich nicht von der panischen Menge fortgerissen worden, ich hätte dieses Bild genossen. Als Hebammer, Puffvater und Sargträger ist man einiges gewöhnt. So aber sah ich etwas, das alles Bisherige übertraf, die ganze Szene pointierte, steckte doch auf den emporgereckten Fingern des verklärt dreinschauenden Klumpfuß-Petrus wie eine aufgespießte Melone der Kopf des Herabgestürzten. Seine Augen, dunkel wie verfaulte Oliven, waren aufgerissen, die Zunge, grau belegt, hing ihm aus dem Mund, sein schwarzes Haar war frisch gekämmt, und aus dem Hals baumelten Sehnen, Muskelstränge. Ein Aufgespießter. Und wie ich noch überlegte, ob dieser Kuppelspringer, der so offensichtlich glaubte, fliegen zu können, auch ein Vogelversteher gewesen war, ob auch er von einer dunklen Macht in die Kuppel getrieben worden, ein Virus in Umlauf war, eine neue Vogelgrippe, auch ich so enden würde, als aufgespießter Kopf an Petris Zeigefinger, spülte mich die keuchende, stöhnende, kreischende Masse hinaus. Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun.

Sprachsalz 2010: Nicht mehr lange

Sprachsalz rückt immer näher, die komplett erneuerte Website zum Festival ist online und bald werden hier zur Einstimmung auf die Literaturtage die ersten Texte von heuer lesenden AutorInnen erscheinen.

Georg Klein

quelle: www.devries-klein.de/bilder/Georg%20Klein.jpg

Ein kurzer Text von Georg Klein:

Sonntag

Mir schien in hellem Schock
Es wäre schließlich wieder Sonntag
Die Schleiflackstäbe meines Gitterbetts
Gliederten mir den Kontinent, den Park
Aus dessen urwelthohen Bäumen
Die Walnüsse wie MADE IN USA
In Richtung Rasen bombten

In einem rotkarierten Rock
Kam meine Mutter größer als jeder Gott
Über den Kies, über die aufgeplatzten
Schalen von einem Brunnen her, wo
Im Quadrat Sonne und Wasser tobten
Beide so alt wie dieses Kind, das hochdeutsch
Indianer und amerikanisch Cowboy sagen konnte

Dear listeners, it’s twelve o’clock
Sperr deine Augen auf und blinzle erst
Wenn dir die Tränen vor die Dinge spritzen
Weil sonst das Licht gekränkt und
Jede Nuß verworfen und deiner Mutter
Irokesenstolz geschmälert wäre
Am siebten Tag regierte ich die Welt

Sprachsalz 2010: Erste Namen

Es gibt bereits erste Neuigkeiten von den mittlerweile schon 8. Internationalen Literaturtage Sprachsalz, die vom 9. bis zum 12. September 2010 wie immer in Hall in Tirol statt finden werden. Genauer gesagt stehen schon erste AutorInnen fest, die bei Sprachsalz 2010 lesen werden, ich darf die offizielle Presseausssendung zitieren (für Suchmaschinenbedienungsfaule sind die jeweiligen Websites der AutorInnen praktischerweise direkt verlinkt):

AUTORINNEN UND AUTOREN 2010 (bisher zugesagt, weitere folgen):

Franzobel (Österreich) Der theoretische und praktizierende Fussballfachmann kann auch literarisch in jeder Position eingesetzt werden. Ob Drama, Erzählung oder voluminöser Roman, überall landet er unter den Topscorern und bedient Qualität und Skandal gleichermaßen charmant.

Hettie Jones (USA) stieß zur Hochblüte der Beats zu dieser Bewegung und brachte mit ihrem Ehemann LeRoi Jones die legendäre Literaturzeitschrift Yugen heraus. In Hall liest sie aus eigenen Gedichten und Prosatexten.

Katharina Lanfranconi (Schweiz) Die Schweizer Lyrikerin kommt mit fünf wunderschönen Lyrikbänden nach Hall: Ihre Gedichte für Kinder und Erwachsene pflegen die leisen Töne und verzaubern durch ihre Einfachheit.

Peh (Deutschland) (alias Paula Gelbke) ist die gekrönte Poetry-Slam-Königin Deutschlands. Ihr urbaner Beat und ihre unverwechselbare Vortragsweise lassen Publikum wie Feuilleton gleichermaßen jubeln: "Pulsierend lebendige Dichtung!" (Die Zeit). Sie liest aus ihrem aktuellen Gedichtband "Angeschossen."

Isolde Schaad (Schweiz) In Ihrem neuen Roman "Robinson und Julia" erlaubt sich die Autorin eine erfrischend schamlose und humorvolle Reise durch die Geschichte der Frauen- und Männerbeziehungen, gemeinsam mit Julia, Eva, Adam und anderen mythischen Figuren.

Michel Butor (Frankreich) Als Mitbegründer des Nouveau Roman gehört Butor mit „Der Zeitplan“ oder „Paris Rom oder Die Modifikation“ gehört zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.

Georg Klein (Deutschland) ist schon lange eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Sein mit dem Leipziger Buchpreis 2010 ausgezeichneter "Roman einer Kindheit" ist zwar autobiografisch grundiert, aber alles andere als ein verklärter Erinnerungstext. Klein liest zum ersten Mal in Tirol.

John Wray (USA) Der Sohn einer Österreicherin und eines Amerikaners gilt als neuer und vielversprechender Stern am Erzählerhimmel. Bei Sprachsalz liest er aus seinem gefeierten Roman „Retter der Welt“.

Erika Wimmer (Österreich) Die Autorin Erika Wimmer wird als Tirolerin traditionellerweise das Festival eröffnen. Sie bringt ihren Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“ mit, der das Österreich der Kriegsjahre beleuchtet.
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weblog zu den 9. internationalen literaturtagen sprachsalz 9.–11. september 2011, hall in tirol

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